Samstag, 23. Mai 2015

Zitterpartie, Rekorde und doch noch Wildnis, 37. Tag



Heute (23.5.) muss ich erst mal von gestern berichten, denn gestern (22.5.) konnte ich nicht schreiben, weil mein Akku (der des Notebooks) leer war und ich keinen Landstrom hatte und Internet schon gar nicht.
Wie kommt das? Wo doch bisher meistens wenigstens Landstrom zur Verfügung stand?

Es ist die Strecke durch die Vogesen, auf dem Canal de Vosges, die die Probleme macht.
Girancourt, schöner, stromloser, duschloser Anleger.


Gestern habe ich Girancourt erreicht, eine hübsche Anlegestelle, aber ohne Strom.
Das Bloggen am Abend hat meinen Akku leergesaugt, also hoffte ich, dass ich einen Hafen mit „electricité“ erreiche, um meine ganzen technischen Spielgeräte zu laden und das Notebook wieder in Betrieb zu nehmen.





Grün - so soll es sein!
Das nächste Hafen mit Dusche und mit Strom: Fontenoy Le Chateau, toller Name – ein Nachteil, es sind zwar „nur“ 29 Kilometer bis dahin, aber auf dem Weg liegen 34 Schleusen. Allerdings alle bergab, was ein Vorteil sein könnte.

Wenn ich das bis 18:00Uhr schaffe, wäre ein neuer Schleusenrekord aufgestellt, dazu muss aber alles klappen, wie auch der Mann vom VNF sagte „c’est possibel, sans arrèt“ (für Französisch-Experten, ich weiß nicht, wo auf meiner Tastatur der Accent Circonflexe ist, deshalb nehme ich nur die beiden anderen).


 Also los, die erste Schleuse war leider schon mal überpünktlich und machte genau um 9:00 Uhr auf, hatte gehofft, 8:45 Uhr, aber das war gestern.

Zeit für Rechenspiele ...
  

Die nächsten Schleusen gingen ganz gut, ohne Kletterei, weil es ja bergab ging, allerdings mit dem Nachteil, dass das Wasser immer noch unten war, also da, wo ich hinwollte. Die Schleuse musste also erst gefüllt werden, um dann mit mir darin wieder abgelassen zu werden.
 ... in der Wildnis





In der Wartezeit (gestoppt 5 Minuten pro Schleusenvorbereitung) stellte ich allerhand Kalkulationen an, ob es wohl zu schaffen ist. Wenn ich z.B. nicht auf das Schleusenauffüllen warten müsste, käme ein Zeitgewinn von 5 Minuten pro Schleuse heraus, das wären bei 34 Schleusen- jaaa, weit über 3 Stunden – dann ist es zu schaffen.
War aber nicht so, nur 2 Mal, weil mir ein Boot entgegenkam, und dann auch noch die Schleuse 13 (ich bin nicht abergläubisch). Ich ´rein,  blaue Stange hoch drücken – Nix – nochmal drücken- wieder Nix.

Also „bonjour, icy écluse treize, l écluse est en panne, la porte ne ferme pas”. “Ein Mann kommt”.
Woher die Mademoiselle am anderen Ende des Telefons wohl wusste, dass ich Deutscher bin?
Ich antwortete natürlich „Merci bien,  Madame!“
"en panne!"

Die schnelleAllegro- ausgebremst.

Nebenbei bemerkt, ich hatte übrigens einen ganz schlechten Französisch-Lehrer – leide heute noch darunter.

Es dauerte dann eine ¾ -Stunde, bis ein VNF-Auto mit quietschenden Reifen anhielt, „der Mann“ heraussprang, im Schleusen-Häuschen auf einen Knopf drückte und „ca marche“.
Er versprach mir dann, die nächste Schleuse schon hochzuholen, damit ich schneller weiter komme – machte er auch, aber das war die Einzige.
Auf meine Frage, ob ich den Hafen mit dem schönen Namen und dem Strom erreichen könnte, sagte er „c’est impossible“und dann auf Deutsch „unmööögliiisch“ und empfahl mir einen Anleger 5 Schleusen vorher.
Im Handbuch checkte ich, dass dieser Anleger auch keinen Strom hat – jetzt war mein Ehrgeiz geweckt – und ich vertrieb mir zwischen den Schleusen die knappe Zeit (nur ein paar hundert Meter) mit Vor- und Rückwärts Rechnungen: Wenn oben dann, wenn unten dann, wenn Entgegenkommer dann, wenn „en panne“ dann – kurz und gut, eine Zitterpartie, aber irgendwie abwechslungsreich.

Denn für die Landschaft hatte ich heute kaum Zeit, weil dauernd Schleusen kamen und ich aufpassen musste, dass ich den Meldepunkt für die Fernsteuerung nicht verpasste (manchmal sind die Dinger ganz schön versteckt).
Hinter der Kurve - nächste Schleuse.
 
Fabrikruine und Drehbrücke-auch noch!
Manche werden sich fragen, warum die Hetzte - Land und Leute kennenlernen, das ist es.
Ja, eigentlich schon, aber „Land“ zieht den ganzen Tag an mir vorbei, „Leute“ sitzen am Ufer und angeln und an den Haltepunkten ist meistens überhaupt nichts los – so dass da nicht viel kennenzulernen ist.
Halt doch, die Leute auf dem Fahrrad, die lerne ich kennen, an fast jeder Schleuse stehen welche, gucken zu und fragen ein bisschen, was ich da so mache.


Ein nettes deutsches Ehepaar überholt mich heute schon wieder, gestern auch, wir kennen uns inzwischen.
Überhaupt ist das hier für Fahrradfahrer eine prima Urlaubsgegend, am Kanal läuft ein,soweit ich sehen konnte, guter, glatt asphaltierter Weg entlang (früher Treidelpfad), auf dem sich super radeln lässt – das nutzen auch viele, Touristen und Franzosen, die Franzosen erkennt man an den tollen Rennrädern und an den Tour-de-France-Trikots.



Radwege über Radwege am Canal des Vosges
 
Urlaubsidee: mit dem Wohnmobil hierher (gibt jede Menge Stellplätze), einer fährt mit dem Mobil vor (ich) die anderen kommen per Radl zum Treffpunkt. Man kommt voran, jeden Tag was Neues.









Zwischen den Schleusen und neben den Kalkulationsspielen frage ich mich manchmal, wie sich mein Leben verändert hat.
Vor genau 2 Jahren noch im Schuldienst, die Tage gefüllt mit Unterricht, Konferenzen, Planungen, dem Umsetzen von mehr oder weniger sinnvollen Ideen aus dem Ministerium, Klassenarbeiten korrigieren, Prüfungen vorbereiten und durchführen, Kollegen einsetzen … Lehrerleben eben.

Heute sitze ich auf meinem Boot, die Pinne in der Hand, mache mir an schmierigen Leitern in Schleusen die Hände schmutzig, kleckere mit Diesel beim Nachtanken, repariere hier und da Kleinigkeiten, und gucke einfach so in die Gegend und bin gespannt auch jeden neuen Tag und genieße meine Freiheit.

Was ist besser?
Kann ich gar nicht sagen, beides hat seine Zeit.
Der Beruf hat mir viel Freude gemacht, ich war gerne in der Schule (meistens, aber nur als Lehrer, nicht als Schüler), aber was ich jetzt mache finde ich auch toll – einfach so.
Warum ich im Beruf trotzdem schon mit 61 aufgehört habe, erzähle ich später mal.

Zurück zum Schleusenrennen.
Um 16:45 Uhr passiere ich den empfohlenen Anleger ohne Strom, gucke kurz- ganz nett- aber nichts Besonderes.
Ich riskier’s, fahre weiter, denn keinen Strom habe ich auch irgendwo in der Wildnis zwischen den Schleusen, falls ich es nicht schaffe bis 18:00 Uhr an der letzen, der 34sten Schleuse zu sein – noch 6 Schleusen, Sekt oder Selter.
Ein Schleuse 15 Minuten, das wird knapp, dann nur 7 Minuten (war oben), dann wieder 15 …

 
Das sind mal ein paar amtliche Festmacher!


Um 18:10 Uhr stehe ich vor der letzten Schleuse, die Fernbedienung hatte noch ein Blitzlicht hervorgerufen (gut!), die Schleuse aber war nicht gut zu mir, rotes Licht, Feierabend, écluse fermé.
Wildromantisch - "no wrong turn".

Blick nach oben ...



100 Meter vor der Schleuse, mitten im Wald, eine hölzerne Spundwand, zum Glück auch gerade noch tief genug – das wird mein Übernachtungsplatz – einer der bisher Schönsten.
Blick nach vorne - fermé.

Blick nach hinten - 33 Schleusen im Kielwasser.



33 Schleusen sind auch nicht schlecht, 33 mal Anlegen (längsseits)und Ablegen, das schaffe ich sonst nicht in einem Segelurlaub an der Ostsee – zufrieden genieße ich die Ruhe im Wald, in der Wildnis, die ich doch noch gefunden habe und verbringe den Abend ohne Strom und ohne Internet – das geht auch.

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